Dürre Beweise
Manfred Rebhandl
„Jedenfalls hat er mir neulich erzählt, dass seine dreizehnjährige Nichte verschwunden ist, weiß der Teufel wohin, aber sie ist seit ein paar Tagen einfach nicht mehr nach Hause gekommen. Normalerweise hör ich ja nicht so genau hin, wenn diese kranken Spinner mich volllabern mit dem ganzen Scheiß, der ihnen ihr Leben zerstört hat, aber in diesem speziellen Fall klingelte es bei mir und ich dachte: Das wäre doch vielleicht ein schöner Job für meinen Freund Rock, wo doch die Zeiten so hart sind, dass wir alle in der Seele krank werden, wobei ich sagen muss, dass die Zeiten für die Griechen vielleicht noch ein wenig härter sind als für mich zum Beispiel, aber die kennen dafür keinen Winter, also was sagst du?“
Ich sagte: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.“
Dann lachten wir beide, bis uns der Bauch wehtat, und dann wollte ich schnell wieder die Schlafmütze aufsetzen, denn was sein Jobangebot betraf, musste ich ihm leider sagen: Es war gut gemeint, aber nicht gut genug.
So kurz vor Weihnachten wollte ich um keinen Preis einen Job, ich war nämlich ein überzeugter Freund der Winterarbeitslosigkeit, darum blieb ich ja lieber zuhause in meiner kleinen Welt, wenn es sich nur irgendwie einrichten ließ, und mied alles, was sich auch nur im Entferntesten nach Arbeit anhörte oder noch schlimmer: nach Problemen. Und in diesem Fall brauchte ich nicht einmal meine ganze Lebens- und Berufserfahrung in Dirty Willi’s Swedish Pornhouse, um mir in den buntesten Farben auszumalen, was ein angeschlagener Tabeldancebar-Besitzer für Probleme in meinem Leben anrichten konnte, sobald ich mich dazu hinreißen ließ, seine Nichte zu suchen.
Aber leider siegte dann mein insgesamt großes Interesse an der Gestörtheit meiner Mitmenschen über meine überwältigende Schläfrigkeit, und ich fragte, was denn genau mit diesem Idioten Ronnie nicht stimmte, und Ku sagte: „Die Kurzversion lautet wie immer: schwierige Kindheit.“
„Und die lange?“







































